Eine Arvenwanderung


Pass dal Fuorn – S-charl – Scuol – S-chanf – La Punt – Samedan

Illustration einer Arvenwanderung im Graubünden mit Arvenzweigen in den Ecken

Pass dal Fuorn

Es ist schon Mittag. Nach langer Bahn- und Busfahrt sind wir auf dem Pass dal Fuorn, dem Ofenpass, angekommen. Wir atmen tief durch und schreiten aus.

Wir wollen den höchstgelegenen Arvenwald Europas besuchen mit dem urtümlichen Namen God Tamangur. Der Liedermacher Linard Bardill hat ihn besungen und die Schriftstellerin Leta Semadeni gab ihrem preisgekrönten Roman seinen Namen.

Der Arvenwald Tamangur gehört den Ahnen, den Bürgern von Scuol und vor allem sich selbst, seit er geschützt ist.

Tamangur

Hier über der Waldgrenze trotzen die windzerzausten und verknorzten Arven den extremen, klimatischen Bedingungen. Bäume, die viel von ihrem zähen Überlebenswillen über 2000 m Höhe erzählen.

Bald erreichen wir den Tamangur. Wir tauchen ein in das frische, satte Grün der Arven. Darunter schimmern tote, silbrig glänzende Stämme und Wurzeln, reglosen Gestalten gleich. Die Zeit steht still im Tamangur.

Dann, auf einmal krächzt es. Ein raues, heiseres Krächzen.

Ein Tannenhäher auf einem Arvenbaum

Das Tal Tamangur und der Tannenhäher - Eine besondere Freundschaft in den Alpen

Vor etwa 80 Jahren war der Arvenwald im Tal Tamangur stark bedroht. Überweidung und intensive Nutzung setzten ihm zu. Doch der entscheidende Grund für sein Verschwinden war die rücksichtslose Jagd auf den Tannenhäher.

Früher hielt man ihn für einen Schädling, weil er die kostbaren Arvennüsse sammelte. Man glaubte, er stehle die Samen und verhindere so die Vermehrung der Bäume. Deshalb wurde er lange Zeit erbarmungslos bejagt. Dabei ist gerade dieser Vogel ein entscheidender Helfer der Arve. Er sammelt im Herbst die nahrhaften Nüsse und versteckt sie als Wintervorrat im Boden. Viele davon vergisst er wieder. Aus diesen vergessenen Schätzen wachsen neue Bäume. So sorgt der Tannenhäher auf ganz natürliche Weise für die Erneuerung des Arvenwaldes.

Erst viel später erkannte man, wie wichtig dieser Vogel für das Gleichgewicht im Gebirgswald ist und heute versucht man den Tannenhäher zu schützen. Was auf den ersten Blick kaum sichtbar ist, zeigt sich als geniale Zusammenarbeit der Natur. Diese Freundschaft zwischen Baum und Vogel sichert bis heute das Überleben des Arvenwaldes im Tal Tamangur.

Klimaschutz

Das Krächzen erinnert uns an einen kürzlich gelesenen Zeitungsartikel. Er handelte vom Schwinden der Gletscher und der Arvenbestände. Demnach leiden auch die Arven unter den steigenden Temperaturen. Den Tamangur hier auf 2300 Meter Höhe betrifft das weniger, aber jene in tieferen Lagen schon. Die Fleissarbeit des Tannenhähers reicht da nicht mehr. Für die ersten reifen Zapfen braucht die Arve 40 – 60 Jahre. Das ist zu lange, um sich genetisch anzupassen.

S-Charl

Es dunkelt langsam ein. Die Wanderung ist strenger, als wir dachten. Es regnet seit dem Tamangur ununterbrochen. Die Finger werden klamm. Endlich kommen wir in S-charl an und betreten müde und hungrig das Berghotel.

Ein frischer, balsamischer Duft umfängt uns in der 400-jährigen Arvenstube, mild und klar zugleich. Wir sehen uns verwundert an. Von diesen Stuben haben wir gehört, aber ihr Geruch ist eine ganz neue Erfahrung – wohltuend und entspannend.

Ein Arvenzapfen liegt auf Moos und Gras am Boden

Wir freuen uns auf das Essen. Bevor wir es uns in der Arvenstube gemütlich machen, geniessen wir ein Bad mit Arvenöl. Unsere müden Beine regenerieren, wir lassen Gerüche und Bilder des Tages Revue passieren und fühlen uns rundum wohl.

Das Essen hat gemundet. Auch die Engadiner Torte war ein besonderes Erlebnis. Wir geniessen sie in der «Urform» mit Arvennüssen anstelle der gewohnten Baumnüsse.

Wie wir uns im Arvenzimmer hinlegen, fühlt es sich an, als ob wir auf einer Moosdecke im Wald liegen. Der Duft wirkt wie eine sanfte Aromapflege. Umhüllt von diesem einzigartigen Parfum fallen wir in tiefen Schlaf, die Bilder der urtümlichen Landschaften in uns.

S-chanf

Wir haben tief und fest geschlafen im Arvenzimmer. Erholt und freudig machen wir uns an das Frühstücksbuffet. Am Vormittag wandern wir durch einen Mischwald von Lärchen und Tannen nach Scuol. Das heisere Krächzen des Tannenhähers begleitet uns hinunter. Wir wollen aber noch mehr erfahren über die Arven und ihre Verarbeitung. Mit der Rhätischen Bahn zuckeln wir über Lavin und Zernez nach S-chanf.

Panoramablick auf eine Bergkette durch zwei Arven hindurch von einem Bergpfad aus.

Im gemeindeeigenen Sägewerk von S-chanf fällt uns neben dem sehr intensiven Arvengeruch das Logo des «GOD» Mondholzes auf. Dass «GOD» Wald heisst, wissen wir nun, das Wort Mondholz macht uns neugierig.

Der Revierförster nimmt sich Zeit und erzählt von der nachhaltigen Nutzung der Arven, die auch von Jahreszeit und Mondphase bestimmt ist.

La Punt Chamues-ch

Die nächste Etappe führt uns nach La Punt Chamues-ch. Wir kehren für einen Kaffee ein und sind verblüfft. Da steht tatsächlich ein mehrgängiges Arvenmenü auf der Tafel der Gastwirtschaft. Auf der Weiterreise geben wir uns kulinarischen Träumen hin: Köstliche Consommé von Waldpilzen und Arvennadeln, Bachforellenfilet im Arvenholz gegart, Birnen in Arvensirup eingelegt…

Samedan

Schliesslich erreichen wir Samedan. Ein letztes Mal fliegt vor uns, wie zum Abschied, der Tannenhäher hoch. Der Revierförster hat uns den Tipp gegeben, für ein Souvenir die Werkstatt Ufficina zu besuchen. Der Besuch lohnt sich. Es findet sich für alle etwas.

Wir sind am Ende unserer Arventour angekommen. Die Bilder, die Bäume und vor allem der Duft bleiben uns in fester Erinnerung. Ein Stück des edlen Holzes und ein Fläschchen mit Arvenöl sollen uns erinnern und wohl tun im Unterland.

Eine einzelne grosse Arve steht auf einem Feld in den Bergen


Arve

ruhige Nacht, vitaler Tag


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