Weisstanne – eine Reise in den Jura


Am Anfang stand das Fläschchen mit ätherischem Öl der Weisstanne. Freunde hatten es geschenkt, im Nu versetzte es uns mitten in der Stube in eine Waldlichtung. Es war schnell leer, aber wir fanden Ersatz in der nächsten Drogerie, doch kein Duft kam dem Ersten gleich. Erst nach langem Suchen erfuhren wir, dass unser ätherisches Öl aus dem Jura stamme – von Weisstannen, hoch über dem Genfersee. Wir spitzten die Ohren: Waadtländer Jura ... Veloland pur! Die Juraroute 7 würde uns genau dorthin führen. Zu den Weisstannen und zum Ort, wo ihr ätherisches Öl gewonnen wird: nach Bassins.

Weisstannenäste im Sonnenschein

Die Weisstanne – Königin der Nadelbäume

Wer kennt sie nicht? Die majestätische Weisstanne zählt zu den Baumriesen Mitteleuropas. Sie kann über fünfzig Meter hoch wachsen und war in frühen Zeiten gar als Schiffsmast begehrt.

Die Dufttanne stammt aus der Familie der Kieferngewächse und erreicht ein Alter bis zu 500 Jahren. Sie bevorzugt warme und feuchte Standorte. Weil ihre Pfahlwurzeln tief in den Boden wachsen, trotzt sie den Stürmen besser als andere Bäume. Allerdings setzt den aromatischen Jungbäumen der Verbiss durch Rotwild stark zu.

Hochplateau im Jura mit Sicht auf den Genfersee

Die Juraroute 7 ist eine der meistbefahrenen Velorouten in der Schweiz. Sie führt von Basel bis an den Genfersee, unter anderem mit Stationen in Saint-Ursanne, La Chaux-de-Fonds und La Brévine. Die hier beschriebene Velotour bildet die letzte Etappe der Juraroute 7, von Vallorbe bis nach Nyon.

Im Jura – Stille, Weite, Wald

Die weissen Trockenmauern legen sich wie ein Netz über die weiten, ruhigen Landschaften. Moore, Wälder und Weiden. Die mächtigen, weissen Steinhäuser, deren Dächer fast den Boden berühren. Die trutzigen Wettertannen. Über tausend Meter gibt es nur noch Fichten, die dem rauen Klima trotzen, den eisigen Wintern mit den Schneestürmen. Hier gefrieren die Seen noch, zum Beispiel der Lac de Joux.

Auf der Juraroute von Veloland Schweiz sind wir heute dem grössten und höchstgelegenen Jurasee entlang gefahren. Hoch über die Kreten des Col du Marchairuz. Später der schweisstriefende Aufstieg Richtung Col du Marchairuz - mit Vorfreude auf die lange, sanfte Abfahrt zum Genfersee, mit Zwischenhalt in Bassins, dem eigentlichen Ziel unserer Reise.

Hier auf der Jurasüdseite streicht ein milder Wind den Felswänden entlang. Ein Klimawechsel auf kurze Distanz. Hier gedeihen die mächtigen Weisstannen im Mischwald mit Buchen-, Vogelbeer- und Mehlbeerbäumen etc. Von hier kommt also unser Tannenöl.

Die Destillerie de bassins – soyez les bienvenus

Vor der Destillerie begrüsst uns Bauer Jean-Marc Genevay mit einem Lachen und erkundigt sich über unsere Veloreise. «Oui le sapin blanc» – wir seien eben durch die Forêts communales gefahren, von wo die Weisstannen stammten, die er heute destilliere.

Die Ernte aus dem Gemeindewald – Ganzheitliche Nutzung

Der Gemeindewald von Bassins liegt am Jurasüdhang, wo die Weisstannen im Schutz der Kreten auf einer Höhe von 600 bis 900 Meter wachsen. Tagsüber ermöglicht dies ein mildes Klima, während die Nächte ziemlich kühl sein können.

Dreimal im Jahr werden ausgewählte Tannen vom Gemeindeförster gefällt. Das ergibt jeweils den wertvollen Rohstoff für die Destillerie. Die Zweige, Nadeln und Fruchtzapfen werden vor Ort gehäckselt und direkt zur Destillerie geführt, während die kahlen Stämme länger auf den Abtransport warten. Eine ganzheitliche Nutzung, denn nie wird eine Tanne allein wegen des ätherischen Öls gefällt.

Die Grösse und Qualität der Weisstannen hängt von der sorgsamen Waldpflege ab. Sie passen sich gut an, brauchen aber immer mehr Platz über lange Jahre. «Wir pflanzen nicht für unsere Kinder, sondern für die Enkelkinder», meint Jean-Marc gelassen.

Unterwegs im «Parc jurassien vaudois» – Dufterlebnis

Wir haben sie noch vor Augen und in der Nase: die urtümliche Landschaft des Waadtländer Naturparks und sein unverkennbares Parfüm. Der Aufstieg von Le Brassus zum Pass zog sich dahin, entlang den lichten Wäldern und Weiden mit Enzian, Akelei und Eisenhut. Dann kam der verdiente Halt.

«Wir setzen uns hin, kühlen ab und schnuppern - ein Bouquet von Wiesenblumen, Harz und Tannennadeln. Wir baden förmlich in dieser würzig-frischen Wolke. Eine Erfrischung sondergleichen. Entspannt und still steigen wir später auf unsere Räder. Es rollt wie von selbst über die Kreten.»

Dieses Erlebnis erinnerte uns an einen Bericht über das Waldbaden. So etwas Ähnliches hatten wir da wohl erlebt.

Die Kraft der Walddüfte erleben – Waldbaden

Seinen Ursprung findet die Idee des Waldbadens in Japan, wo es «Shinrin Yoku» genannt wird und seit jeher fester Bestandteil der Gesundheitsvorsorge ist. Waldbaden ist eine Entdeckungsreise der Sinne: Der Kontakt zur Natur, raschelndes Laub, leises Vogelgezwitscher und immer wieder dieser Duft – ein Waldspaziergang macht den Kopf frei, beruhigt und belebt zugleich.

Jahrzehntelange Studien belegen, dass bereits ein kurzer Waldspaziergang Stress merkbar abbaut und das Immunsystem stärkt. Verantwortlich für diesen positiven Effekt und für den charakteristischen Waldduft sind die in den ätherischen Baumölen vorkommenden Terpene. Diese chemischen Botenstoffe schützen die Bäume vor natürlichen Fressfeinden. Der menschliche Körper kann Terpene über die Atemwege und die Haut aufnehmen. Wer sich also regelmässig eine Waldzeit gönnt, tut Körper und Gemüt Gutes.


Waldbaden

für zuhause


Das grüne Gold aus dem Wasserdampf – Die Destillation

Neugierig betreten wir die Kammern, wo das Tannenmaterial destilliert wird. Jean-Marc führt uns in den ersten Stock der Brennerei. Hier herrscht noch ein leicht beissender Geruch. Er kommt aus den drei grossen Tanks mit je 4 Kubikmetern gehäckselter «Tanne». 60 - 75 Kilogramm braucht es für einen Liter.

Schon bald wird unten tüchtig eingeheizt. Viereinhalb Stunden lang wird das Tannenmaterial 110 bis 120 Grad heissem Wassserdampf ausgesetzt. Jean-Marc steuert dabei immer wieder Dampf und Temperatur über ein modernes Kühlsystem.

Nadeln einer Weisstanne liegen auf einem Förderband vor einer Destillerie

Unterschied Weisstanne und Rottanne (Fichte)

Links die Rinde einer Weisstanne und rechts die Rinde einer Rottanne, auch Fichte genannt

Borke

Die Borke der Weisstanne ist eher glatt und weisslich grau. Bei der Rottanne ist die Borke roh und rötlich braun.

Links die Nadeln einer Weisstanne und rechts die Nadeln einer Rottanne, auch Fichte genannt

Nadeln

Die Nadeln der Weisstanne sind weich, haben einen zitronigen Geschmack und haben silbrige Wachsstreifen auf der Unterseite.  Die Nadeln der Rottanne sind buschig angeordnet, leicht stachelig und harzig im Geschmack.

Links die Zapfen einer Weisstanne und rechts die Zapfen einer Rottanne, auch Fichte genannt

Zapfen

Die Zapfen einer Weisstanne stehen aufrecht und bleiben am Baum, bis sie zerfallen. Die Zapfen der Rottanne hängen herunter und fallen herab – entsprechend findet man am Boden meist nur Fichtenzapfen.

Links ein Wald mit Weisstannen und rechts ein Wald mit Rottannen, auch Fichte genannt

Vorkommen (im Jura)

Weisstannen findet man oft in Mischwäldern mit Laubbäumen und Fichten unterhalb von 1'000 Metern. Die Rottanne ist auch über 1'000 Meter noch anzutreffen, zum Teil auch in Gruppen zerstreut. Sie ist eine typische «Wettertanne».

Strenge Kontrollen – Bio-Qualität vom Wald

Der ganze Produktionsverlauf unterliegt strengen Kontrollen. Um das Schweizer Bio-Label «bio.inspecta» zu erlangen, gelten mehrere Voraussetzungen: Die genutzten Wälder müssen einen Kilometer von der nächsten Hauptstrasse oder einer konventionell bearbeiteten Nutzfläche entfernt sein. Zudem werden die Böden auf Pestizide und Metallhaltigkeit untersucht. Die Öle werden in der Schweiz von spezialisierten Labors auf ihre Inhaltsstoffe geprüft. Die Produzenten sind auch verpflichtet, alle Abläufe von der Ernte bis zum fertigen Produkt zu protokollieren. Für aromatherapeutische Zwecke kommt nur erstklassiges, biologisches Öl in Frage. Im Vergleich zu anderen Weisstannenölen hat jenes aus dem Jura den besten Wirkungsgrad.

Bonne Route – Das volle Fläschchen

Jean-Marc zeigt uns zum Schluss seine Schatzkammer mit den kostbaren Ölen, das «Local des essences». Marcel Kocaman verweist dabei auf die anderen Essenzen, die auch hier gelagert werden. Salbei, Liebstöckel und sogar Lavendel von den Feldern rund um Bassins. Für diese ätherischen Öle lohne sich ein zweiter Besuch, meint er lachend.

Mit einem «Bonne Route» und einem vollen Fläschchen schicken sie uns auf den Weg. Wir haben viel Wissenswertes erfahren über die Weisstannen von Bassins. Ihren Duft noch in der Nase, rollen wir heiteren Mutes hinab zum Genfersee. Au revoir Jura.

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